Kleine Wirtschaftsgeschichte der Stadt Schüttorf

Die Stadt war eigentlich nur ein Dorf

Als 1295 dem Kirchspiel Schüttorf die Stadtrechte verliehen wurde, war dieser Ort wirtschaftlich gesehen eine relativ unbedeutende Bauernschaft, in der auch einige Handwerker lebten. Es waren deshalb wohl auch keine wirtschaftlichen Gründe, die Graf Egbert zu Bentheim dazu bewogen haben, der Bauernschaft Schüttorf die Stadtrechte zu erteilen. Vielmehr spielten militärstrategische Überlegungen wohl die größere Rolle. Mit einer befestigten Stadt im Südosten der Grafschaft konnte sich das Grafenhaus besser gegen die Begehrlichkeiten der Münsteraner Bischöfe verteidigen oder sogar von hier aus selbst auf Raubzug gehen.

Insgesamt lebten nur wenige Hundert Menschen in der Stadt Schüttorf. Von denen waren wiederum nur ein kleiner Teil wirklich Bürger der Stadt. Denn um Bürgerrecht zu erlangen musste man ein Bürgergeld zahlen und gleichzeitig auch einen Haus- und Grundbesitz innerhalb der Stadtmauern nachweisen. Auch durfte man für längere Zeit nicht seinen Wohnsitz außerhalb von Schüttorf haben, sonst erlosch das Bürgerrecht. Bürger konnten sowohl Männer als auch Frauen werden, wobei den Frauen entscheidend weniger Rechte eingeräumt wurden.D as Bürgerrecht wurde aber auf die Nachkommenschaft übertragen.

Die Bewohner von Schüttorf lebten überwiegend von der Landwirtschaft. Sie bewirtschafteten zumeist kleine Ackerflächen oder Gärten innerhalb des eigentlichen Stadtgebietes oder unmittelbar vor den Stadttoren, dem sogenannten Weichbild. Die großen, zumeist ertragreicheren Ländereien, wie z.B. der Stadtesch oder der Zebelinger Esch, waren oftmals im Besitz der kleinadeligen Burgmannen, die entweder innerhalb der Stadtmauern oder im Weichbild der Stadt lebten. So zählte man einst über 14 Burgmanns- bzw. Adelshöfe innerhalb der Stadtmauern, deren innerstädtischer Grundbesitz fast ein Drittel der Stadtfläche ausmachte.

Schüttorf – eine Minderstadt?

Es gab unter den wenigen Einwohnern der Stadt nur eine kleine Handvoll, die ausschließlich oder überwiegend einem Handwerk nachgingen. Diese Handwerker stellten zumeist Produkte wie Arbeitsgeräte, Haushaltsgegenstände oder Kleidung für den Eigenbedarf her. Von einer Kaufmannschaft, die regionalen oder überregionalen Handel betrieb, wissen die Stadtchroniken so gut wie nichts zu berichten. Auch ist in den 1295 erteilten Stadtrechten ein Marktrecht nicht explizit enthalten. Dieses wurde der Stadt Schüttorf erst 1465 zugestanden. Es ist jedoch davon auszugehen, dass schon vorher kleinere lokale Märkte in Schüttorf stattgefunden haben.

Obgleich in Schüttorf ähnliche Privilegien wie der ungleich größeren Stadt Münster zugestanden wurden, sind beide Städte, was ihre politische Macht und ihr wirtschaftlicher Stellenwert angeht, nicht mit miteinander zu vergleichen. In der Geschichtswissenschaft werden so kleine und unbedeutende Städte auch als Minderstädte bezeichnet.

Das Handwerk erblühte im Bauboom

Im Bereich des Handwerks war eine Spezialisierung kaum vorhanden. Dies änderte sich – obgleich nur wenige Quellen hierüber Auskunft geben – mit dem Bau der Stadtbefestigungen und der wenigen repräsentativen Gebäude innerhalb der Stadt selber. Steinhauer, Steinmetze, Wandmacher aber auch Schmiede, Tischler und Schreiner waren auf einmal sehr gefragt. Die dürftige Datenlage lässt vermuten, dass diese Spezialisten zumeist nicht aus Schüttorf stammten, sondern aus zugereisten Wanderarbeitern bestand, die sich vielfach nur für kurze Zeit in der Stadt aufgehalten haben. Nur wenige von ihnen ließen sich auf Dauer in Schüttorf niedergelassen. So stieg die Zahl der Bürger*Innen während dieser ersten großen Bauperiode nur gering an, obgleich die große Zahl der Projekte eine hohe Anzahl von qualifizierten Arbeitskräften verlangte.

Goldene Zeiten für das Handwerk

Die erste große Bauperiode der Stadt Schüttorf im 14. und 15. Jahrhundert, in der neben der Vollendung der Stadtbefestigung die großen Bauten wie die Laurentiuskirche, das Rathaus, die fürstliche Mühle und die Burg Altena entstanden, führte trotzdem zu einer Stärkung der lokalen Handwerkerschaft, insbesondere in Bauhandwerk und in den Branchen, in den Arbeitsgeräte und Arbeitsmaterialien hergestellt wurde. Es bildete sich eine immer stärker werden Handwerkerschaft heraus, die nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch an Einfluss gewann. Ein Zeichen für diese Entwicklung waren die ersten Gründungen von Gilden und Zünften in der Mitte des 14. Jahrhunderts.

Der Handel hat keine große Rolle gespielt

Zwar ist in der lokalen Geschichtsschreibung immer wieder aufgrund der Lage Schüttorfs an zwei wichtigen Handelsrouten, zum einen aus dem Münsterländischen zu den Küstenstädten an der Emsmündung in die Nordsee, zum anderen aus Holland (Overijssel) kommend nach Osten gen Osnabrück führend, von einer großen Bedeutung des regionalen und überregionalen Handels in Schüttorf die Rede. Durch Quellen belegte Hinweise lassen sich dafür aber kaum finden. Es ist eher anzunehmen, dass der Handel sich weitgehend auf die Vermarktung der ubiquen Rohstoffe, auf landwirtschaftliche Produkte und handwerkliche Erzeugnisse beschränkte. Trotz einiger weniger personeller Handels-Verbindungen, zum Beispiel zur hansischen Kaufmannschaft, konnte von einen bedeutenden Kaufmannschaft in Schüttorf keine Rede sein. Namen von überregionale agierenden Kaufmannsfamilien oder Handelskontoren in Schüttorf sucht man in alten Quellen meist vergeblich.

Für die eher geringe Rolle des Handels im alten Schüttorfer Wirtschaftsleben spricht auch, dass die Krämer hier nie ein Gildeprivileg erteilt bekamen. Den Krämern in Nordhorn hingegen wurde dieses Privilegium 1663 von Graf Ernst Wilhelm zu Bentheim erteilt.

Der Handel mit Sandstein ging an Schüttorf vorbei
Der Vertrieb des Bentheimer Sandstein erfolgte meist an Schüttorf vorbei über Land bis zu den Flusshäfen an der Dinkel oder Regge in Holland oder der Vechte in Nordhorn und Neuenhaus. Der in Schüttorf bzw. in Suddendorf abgebaute Sandstein durfte Jahrhunderte lang nur für den „Eigenbedarf“ verwendet werden. Ein Handel mit diesem Rohstoff war den Schüttorfer durch das Bentheimer Grafenhaus untersagt. Das Handelsprivileg mit den vor allem in Gildehaus abgebauten Sandstein hatten zumeist holländische Handelsgesellschaften vom Grafen übertragen bekommen.

Das Holz aus dem Samerrott
Lediglich der Handel mit Holz vor allem aus dem Samerott hatte für Schüttorf eine größere Bedeutung. Hinter der fürstlichen Mühle bei dem heutigen Textilunternehmen Schümer wurden aus den geschlagenen Baumstämmen Flöße zusammengebaut, die dann über die Vechte Richtung Nordhorn geführt wurden. Natürlich wurden auf diesen Flößen auch andere heimische Waren als Beiladungen verfrachtet, jedoch wohl nur in geringen Umfang.

Zu den wenigen Rohstoffen, die in Schüttorf abgebaut wurden und in den überregionalen Handel kamen, zählte das Rasenerz, das u.a. im Schüttorfer Feld abgebaut und zur Verhüttung in die Niedergrafschaft und teilweise auch zu den Eisenhütten im späteren Ruhrgebiet verbracht wurde.

Ackerbürger als Nebenerwerbs-Handwerker

Viele der in Schüttorf ansässigen Ackerbürger (Klein-Bauern, die ein Hauseigentum in der Stadt hatten, aber Landflächen als Lehen im Umland besaßen) übten neben ihrer eigentlichen landwirtschaftlichen Tätigkeit auch verschiedene Handwerke aus, denn ihre Felder, Weiden und Wiesen waren meist sehr klein und vielfach auch nicht sehr ertragreich. Als Handwerker produzierten sie überwiegend nur für den Eigenbedarf, in wenigen Fällen aber auch, um damit Handel zu treiben.

Die Schüttorfer Ackerbürger stellten viele ihrer Arbeitsgeräte selbst her, flochten Körbe, schreinerten einfache Möbel und bauten oftmals auch ihre Häuser großteils selber. Auch die Stoffe für ihre Kleider wurden durch Spinnen und Weben von Leinen aus Flachs in Eigenarbeit produziert. Später wurden das Flachsleinentuch auch an wandernde Händler verkauft.

Mit dem Bauboom wuchs auch die Einwohnerzahl

Bei der Erfassung der Einwohnerzahlen der Stadt Schüttorf wurden – wenn überhaupt –nur die „Bürger“ der Stadt gezählt. Deshalb gibt es keine genauen Zahlen über die Bevölkerungsentwicklung in der Stadt. Es ist aber davon auszugehen, dass die Stadt während der großen Bauperiode stark gewachsen ist. Das trifft sowohl auf die Einwohnerzahl zu, als auch auf die Zahl der Häuser bzw. Wohnungen innerhalb der Stadtmauern. Viele der neuen Einwohner wie z.B. die „auswärtigen“ Tagelöhner und Handwerker blieben aber nur für einige Jahre in der Stadt und zogen dann weiter zu anderen Baustellen. Zurück blieb vielfach ihr Know-how, was der weiteren Entwicklung des Handwerks zugute kam.

Neue Berufsgruppen entstanden in Schüttorf
Die rege Bautätigkeit hatte auch Einfluss auf die Arbeitsteilung in der Stadt und der Region. Zahlreiche Ackerbürger und Bauern aus dem Weichbild der Stadt mussten Spanndienste leisten oder waren als Arbeitskraft beim Bau eingesetzt. Ihnen blieb kaum noch Zeit für eigene handwerkliche Tätigkeiten. Handwerkerberufe wie die des Bäckers entstanden. Gerber, die bislang nur Leder herstellten, produzierten nun auch Schuhe und andere Produkte aus Leder, Bierbrauer brauten das Bier, das nun in zahlreichen Wirtshäusern an die durstigen Bauleute ausgeschenkt wurde. Mit dieser Arbeitsteilung entstand dann auch in Schüttorf ein reges lokales Marktwesen.

Auch der lokale Handel profitierte vom Bauboom
Spätestens im 15. Jahrhundert gab es wöchentliche Märkte für die ortsansässigen Krämer und Handwerker und mehrfach im Jahr auch freie Märkte, auf denen auch auswärtige Händler ihre Waren verkaufen konnten. Die wirtschaftliche Erstarkung zeigte sich auch darin, dass Schüttorf für kurze Zeit ein eigenes Geld (Schüttorfer Schilling) prägte, das auch in anderen Städten als Zahlungsmittel akzeptiert war, und eigene Maße und Gewichte wie z.B. die Schüttorfer Elle hatte, die auch überregionale Anerkennung fanden.

Kriegszeiten waren schlechte Zeiten

Mit Abschluss der großen Bauprojekte in 15. und 16. Jahrhundert endete auch die Wachstumsphase der lokalen Wirtschaft in Schüttorf. Zahlreiche Kriege (vor allem der spanisch-niederländische Krieg, 1568 bis 1648, und der 30jährige Krieg, 1618-1648), Klimaveränderungen, Missernten und Epidemien wie z.B. die Pest (1580 und 1607) aber auch lokale Katastrophen wie die Stadtbrände (1609) brachten im 17. Jahrhundert das wirtschaftliche Leben der Stadt und der Region nahezu zum Erliegen. Das hatte natürlich auch große Auswirkungen auf das soziale Leben in der Stadt. Große Teile der Stadtbevölkerung lebten in Armut und Elend. Viele Arbeitskräfte sahen sich zur Arbeitsmigration in die naheliegenden Niederlande gezwungen. Es begann die Zeit der sogenannten Hollandgänger.

Wo das Essen fehlt, fehlt auch die Moral
Mit der wirtschaftlichen Verarmung der Stadtbevölkerung ging auch eine gesellschaftliche Verarmung einher. Sie erfasste nahezu alle sozialen Schichten. In der lokalen politischen und wirtschaftlichen Elite traten vermehrt Bestechung, Unterschlagung und Vorteilsnahme auf. Das führte u.a. auch zu einem Autoritätsverlust der amtlichen und geistlichen Würdenträger. Die ärmeren Leute hingegen gaben sich dem zügellosem Konsum von Bier und Branntwein hin, um sich das Leben etwas schöner zu trinken. Jeder Anlass wurde genutzt, um Alkohol in großen Mengen zu konsumieren. Die Obrigkeit und vor allem die Kirche versuchte diesem Treiben durch Verbote Einhalt zu gebieten, jedoch ohne durchschlagenden Erfolg.

Zögerlicher Beginn der Industrialisierung
Die wirtschaftliche Stagnation im ausgehenden Mittelalter dauerte in Schüttorf bis weit in das 18. und 19. Jahrhundert hinein. Dies schlug sich auch in den Einwohnerzahlen nieder. Jahrhunderte lang war Schüttorf die größte Stadt in der Grafschaft. Doch 1825 lag Schüttorf mit 965 Einwohnern nur noch an 3. Stelle der Städte in der Grafschaft, hinter Bentheim mit knapp 1.400 und Neuenhaus mit ca. 1.100 Einwohnen. Nordhorn folgte dann auf Platz 4 mit rund 900 Einwohnern.

Erst mit dem Aufkommen der Textilindustrie zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann eine neue Periode des wirtschaftlichen Aufschwungs. Wenn auch recht zögerlich und nur mit geringem Erfolg.

Hausweberei und Verlagswesen

Flachs- bzw. Leinenspinnerei und -weberei waren in Schüttorf seit Jahrhunderten weitverbreitete Erwerbsfelder, die vor allem im eigenen Haushalt ausgeübt wurden und der Aufstockung des meist kärglichen Lohns und Einkommens diente. In Schüttorf gab es Anfang des 19. Jahrhunderts überwiegend „hauptberufliche“ Hausweber, ein Zeichen, dass die landwirtschaftlichen Tätigkeiten der Ackerbürger kaum noch etwas abwarfen. Um 1830 produzierten die Schüttorfer Leinenweber auf rund 70 Webstühle ca. 75.000 Ellen Stoff. Während der Webstuhl zumeist von Männern bedient wurde, übernahmen die Frauen das Spinnen der Garne. Vor allem junge Mädchen saßen bis tief in die Nacht an den Spinnstühlen.

Von einer organisierten und strukturierten Produktion konnte keine Rede sein. Man stellte soviel Garne und Tuch her, wie man Rohstoffe zur Verfügung hatte. Das nutzte man zum Eigenbedarf oder verkaufte sie an vorbeiziehende Händler (Tödden). War deren Nachfrage hoch, so konnte man dabei einen guten Preis erzielen. War die Nachfrage gering, was nicht selten der Fall war, um so weniger bekam man für seine Tuch oder seine Garne.

Bald bildete sich auch in Schüttorf im Bereich der Leinenherstellung ein Verlagswesen heraus. Lokale Kaufleute „legten“ den ärmeren Bürgern die Rohstoff für die Produktion aus und zahlten den Webern je nach Menge und Qualität einen „Lohn“ für die fertige Ware. Diese sogenannten Verlegerfamilien in Schüttorf entstammt oft den reichen ortsansässigen Kaufmanns- und Ratsfamilien. Aus diesen Kreisen kamen dann nicht selten auch die Gründer der ersten Textilfabriken.

Gerhard Schlikker – ein Verleger mit Weitsicht
Einer der erfolgreichsten Textilverleger in Schüttorf war Gerhard Schlikker. Er stammte aus einer angesehenen Kaufmanns-und Akademikerfamilie und sollte eigentlich Theologie studieren. Krankheitsbedingt gab er das Studium auf und machte sich nach einer kaufmännischen Lehre als Manufakturwaren- und Leinenhändler selbständig. In kurzer Zeit gelang es Gerhard Schlikker seinen Leinenhandel so auszubauen, dass er mehrere Hundert Heimweber in und um Schüttorf herum für sich arbeiten ließ. Neben Garn lieferte Gerhard Schlikker seinen Heimwebern auch neueste Technologie. So führte er bei ihnen die Technik der „Schnellwebens“ ein. Damit konnten die Heimweber ihre Produktivität fast verdreifachen. Und: Ein Arbeiter, der das Schnellweben beherrschte, kam ohne große Umstellungsschwierigkeiten auch mit mechanischen Webstühlen zurecht. Ein großer Vorteil, der sich später bei der Gründung der ersten großen industriellen Webereien bezahlt machte.

Gründermut und Misserfolge
Erst Mitte des 18. Jahrhunderts, nämlich um 1760, gab es erste Anzeichen einer industriellen Produktion in Schüttorf. D.H. Kock und A.F. Holcke gründeten die „Parchen- en Boomzydenfabrique“, die wohl erste Baumwollmanufaktur in der Stadt Schüttorf. Sie war aber nur eine Dependance der Baumwollspinnerei und -weberei in Uelsen, die auch die Schüttorfer Garne verarbeitete. Schon 1767 müsste die „Parchen- en Boomzydenfabrique“ in Schüttorf ihre Tore wieder schließen, weil die Arbeitswilligkeit der Schüttorfer Spinner sehr zu wünschen übrig ließ. Es dauerte über 30 Jahre bis die nächste Baumwollspinnerei in Schüttorf eröffnet wurde. Johann Christian Weitzel, er stammte aus Kusel in der Bayrischen Pfalz, errichtete sie 1798 in dem Pferdestall der Burg Altena. Durch die Kontinentalsperre (1806 bis 1813) versiegte aber die Zufuhr von Baumwolle aus England, so dass auch diese Manufaktur Pleite machte.

Das erste Industriegebiet in Schüttorf

Ein Grund für die zunächst zögerliche Industrialisierung war sicherlich auch der Mangel an geeigneten Grundstücken innerhalb des damaligen Stadtgebiets. Zwar schon erheblich geschleift engte die ehemals mächtige Stadtbefestigung immer noch die Stadtfläche ein. Freie Grundstücke waren Mangelware und dazu auch meist sehr klein und teuer. Erst mit dem Abbau der Wälle und Befestigungsgräben westlich der Stadt am Hagen und nördlich an der Bleiche (hier wurde auch die Stadtmauer entfernt) konnte die Stadt sich weiter ausdehnen. So war es kein Wunder, dass eben auf diesen neuen bebaubaren Flächen das erste kleine Industriegebiet der Stadt Schüttorf eingerichtet wurde, nämlich auf der Hohen Bleiche.

Die über 1 Hektar Hohe Bleiche war bis ins 19. Jahrhundert hinein im städtischen Besitz. Sie war weitgehend von Weiden und Wiesen bedeckt, die für die Fütterung der Tiere der Stadtbewohner genutzt wurden. Später diente sie auch zum Auslegen der Leinentücher der zahlreichen Handweber. Die Tücher, aber auch die Garne wurden unter Sonneneinstrahlung gebleicht, daher wohl auch der Name des Gebietes.

Um 1830 wurde ein Teilstück der Hohen Bleiche an den Kaufmann und Bürgermeister (1870 – 1883) Gerhard Schlikker und an dessen Schwager G. W. Rost verpachtet. Diese errichteten dann auf dem gepachteten Grund zwei Manufakturgebäude, in denen an Handwebstühlen Baumwoll- und Flachsgarne verwoben wurden. Für heutige Verhältnisse waren dies nur kleine Fabriken mit einer Grundfläche von insgesamt rund 400 qm. In ihnen waren etwa 100 Handwebstühle aufgestellt. Da damals jeder Webstuhl von einem Weber bedient wurde, waren in den ersten Schüttorfer Textilfabriken schon 100 Arbeiter beschäftigt.

Harte Bedingungen für die Arbeiter

Der Arbeitstag der dortigen Manufakturarbeiter dauerte 12 Stunden. Bezahlt wurden nach Stücklohn. Die Fabrikgebäude wurden durch offene Öl- und Tranlampen beleuchtet. Über jedem Handwebstuhl hing so eine Leuchte. Die Beheizung der Räume erfolgte über zahlreiche kleine Torf- und Suddenöfen. In den Manufakturen waren fast ausschließlich Männer beschäftigt, obgleich viele Frauen in Schüttorf eine hohe Fertigkeit in der Handweberei besaßen. Schließlich trugen sie mit dieser Tätigkeit jahrzehntelang zum Familieneinkommen bei. Mit den Manufakturen entstand den häuslichen Handwebern eine ernste Konkurrenz, die ihr karges Einkommen noch weiter zu schmälern drohte.

Die Arbeiter kamen zu einem großen Teil aus Schüttorf oder den umliegenden Dörfern. Viele von ihnen hatten vorher in der Ziegelherstellung und in den Steinbrüchen in Suddendorf gearbeitet, wo aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung viele Arbeiter entlassen wurden. Ein kleinerer Teil kam auch aus den Niederlanden in die Vechtestadt.

Mit dem Dampf kam die Industrialisierung
Gegen 1870 kam das „Aus“ für die kleinen Textilfabriken auf der Hohen Bleiche. Und zwar aus einem einfachen Grund. Hier war kein Platz mehr, um die Fabriken zu vergrößern. So erwarb Schlikker große Grundstücke beiderseits des alten Hofwegs – heute Fabrikstraße. Dort baute er zunächst die erste maschinengetriebene Baumwollweberei Schüttorfs und 1881 die erste Baumwollspinnerei. Zur gleichen Zeit errichteten andere Fabrikanten wie ten Wolde, Gathmann und Gerdemann oder Maschmeyer weitere Textilfabriken vor den Toren der ehemaligen Stadtbefestigung. Die Zeiten der Heim- und Handweber in Schüttorf waren endgültig vorbei.

Margarine und Schinken aus Schüttorf
In einer der beiden ehemaligen Textilfabriken auf der Hohen Bleiche eröffnete zunächst 1875 Wilhelm Edel eine Margarinefabrik, mit der er aber schon 8 Jahre später an den Hessenweg umsiedelte. In der zweiten stellte Casper Rost zusammen mit seinem Bruder und einem Vetter bis 1893 ebenfalls Margarine her, danach zog hier das Bekleidungswerk Dreyer ein. Die ehemalige Edelfabrik auf der Hohen Bleiche wurde an den Schinkenhändler Heinrich Klümper verkauft, der dort eine Fleischwarenfabrik eröffnete. Von 1886 bis 1921 betrieb Jan Spering eine Likörfabrik auf der Hohen Bleiche und noch bis in die 1980er Jahre gab es dort die Druckerei und Setzerei Kröner. In den letzten Kriegsjahren verlegte das kriegswichtige Unternehmen Stemmann Teile seiner Produktionsstätten aus dem von alliierten Bombardierungen bedrohten Münster nach Schüttorf in das kleine Industriegebiet auf der Hohen Bleiche. Als klar war, dass Stemman auch nach dem Krieg in Schüttorf bleiben wollte, baute man an der Quendorfer Straße eine neue große Fabrik.

Die alte Stadt platzt aus allen Nähten

Durch den Zuzug von Arbeitskräften aus dem Ausland aber auch aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden stieg die Einwohnerzahl Schüttorf rasant an. Sie vervierfachte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts. Damit konnte die Wohnraumversorgung innerhalb des bisherigen bebauten Stadtgebietes, das im wesentlichen seit mehr als 500 Jahren gleich geblieben war, nicht mehr mithalten. Die Wohnungsnot nahm zu. Es wurden deshalb neue, bislang unbebaute Flächen für den Wohnungsbau erschlossen. Zumeist waren dies Flächen mit geringer Bodenqualität aber auch Gartenanlagen. Neue Wohnsiedlungen entstanden vor allem nahe der Textilunternehmen, nämlich „achte de Bahn“ im Süden, auf dem Schottbrink im Westen, entlang der Salzberger Straße im Osten und Nordhorner Straße im Norden. Es wurden zumeist kleine und einfache Einfamilienhäuser gebaut. Viele von ihnen hatten einen Garten, in dem Gemüse und Obst für den Eigenbedarf angebaut wurde. Fast überall gab es zudem Hühner- und Kaninchenställe. Hier und da war auch noch Platz für eine Ziege oder ein Schwein.

Wer aber noch in der Altstadt wohnte, der musste mit sehr beengten Verhältnissen klar kommen. Die Straßen und Gassen waren oft verdreckt, hier sammelte sich nicht nur das Regenwasser, sondern auch die Abwässer. Eine zentrale Wasserver- und Abwasserentsorgung gab es nicht, sie entstanden im wesentlichen erst im 20. Jahrhundert. Kein Wunder also, dass die Menschen oft krank waren. Insbesondere Lungenerkrankungen waren an der Tagesordnung, nicht selten verursacht durch die harten Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken.

Wachstum trotz Krieg und Krisen

Der Ausbruch des ersten Weltkrieges brachte die industrielle Entwicklung Schüttorf vorläufig zu erliegen. Arbeitskräftemangel und die unzureichende Versorgung mit Roh- und Betriebsstoffen führten zu kurzfristigen aber auch länger anhaltenden Werksschließungen oder Kurzarbeit. Die Produktion von Garnen und Stoffen sank rapide. Gegen Ende des 1. Weltkrieges wurde nur noch bei Schümer im Werk I an der Geiststraße gearbeitet. Der Mangel an Roh- und Betriebsstoffen dauerte auch in der ersten Nachkriegsjahren weiter an. Das hatte zur Folge, dass viele ehemalige Textilarbeiten, die aus dem Krieg nach Schüttorf zurückkehrten, keine Arbeit fanden. Die Arbeitslosigkeit stieg enorm an. Dem begegnete man mit Arbeitsbeschaffungsprogrammen wie der Kultivierung des Schüttorfer Feldes.

Aber schon zu Beginn der 1920er Jahre lief in den meisten Schüttorfer Textilbetrieben die Arbeit wieder an. Die Schüttorfer Textilindustrie erlebte eine wahre Blütezeit, die bis zu Beginn des 2. Weltkrieges anhielt. Zwar gab es durch die Inflation und die Weltwirtschaftskrise empfindliche Rückschläge, die sich aber insgesamt nicht hemmend auf den Aufschwung auswirkten.

Den 2. Weltkrieg eigentlich gut überstanden
Den nächsten Rückschlag erlebte die heimische Textilindustrie mit dem Beginn des 2. Weltkrieges. Wieder litt die Schüttorfer Textilindustrie unter Roh- und Betriebsstoffmangel. Im Gegensatz zum 1. Weltkrieg konnte die Produktion aber in den meisten Werken aufrecht erhalten werden. Selbst als viele Schüttorfer Textilarbeiter an die Front zum Töten und Sterben geschickt wurden. Der Ausfall der männlichen Arbeitskräfte wurde zum einen durch den verstärkten Einsatz von Frauen in der Produktion zumindest teilweise kompensiert. Zum anderen wurden – ähnlich wie in Nordhorn – sicherlich auch in den Schüttorfer Textilbetrieben Zwangsarbeiter eingesetzt. Leider mangelt es hier an aussagefähigen Quellen.

Weitgehend verschont von Zerstörung kam die Schüttorfer Textilindustrie relativ unbeschadet durch den 2. Weltkrieg. Durch den verstärkten Einsatz von synthetisches Garnen konnte auch der Rohstoffmangel nur für sehr kurze Zeit den Wiederaufschwung bremsen.

Größter Arbeitgeber und größter Arbeitsplatzvernichter

Spätestens Ende der 1940er, Anfang der 1960er Jahre erreichte die Produktion wieder Vorkriegsniveau. Und der Aufschwung ging weit darüber hinaus und hielt noch mindestens weitere 10 Jahre an. Zu Spitzenzeiten arbeiteten fast 1.000 Menschen in den Betrieben der Textilindustrie. Jedoch machten sich Ende der 1960er Jahre die ersten Zeichen der fatalen Krise der Textilindustrie bemerkbar. Auch die Schüttorfer Textilindustrie war den tiefgreifenden Veränderungen auf dem Weltmarkt nicht mehr gewachsen. Zunächst versuchten die großen Unternehmen dem noch mit Ankäufen und späterer Schließung von insolvenzbedrohten Konkurrenzunternehmen zu begegnen. Aber mit Beginn der 1970er Jahre war die Schüttorfer Textilindustrie quasi am Boden. Nur dem eigentlich schon insolventen Textilunternehmen Schümer und der Rofa gelang es, dem Unternehmenssterben zu entgehen.

Spätestens mit der Schließung des lokalen Textilriesen Schlikker & Söhne war klar, mit der Dominanz der Textilindustrie in der Schüttorfer Wirtschaft war es nun endgültig vorbei. Hunderten von Familien drohte die Arbeits- und Perspektivlosigkeit.

Lokalpolitischer Machtwechsel machte den Weg frei
Aber auch die lokalpolitische Dominanz der mächtigen Textilunternehmen neigte sich ihrem Ende entgegen. Einst mächtige Familien zogen sich aus dem öffentlichen Leben zurück, manche verließen Schüttorf. Und in viele Villen der ehemaligen Textilbosse zogen nun andere Bewohner ein. Dieser lokalpolitische „Machtwechsel“ machte aber auch den Weg für Entscheidungen frei, die eine Vergrößerung der heimischen Unternehmen und vor allem die Neuansiedlung von starken Unternehmen aus anderen Branchen ermöglichte. Dies hatten die Textilbosse bis dahin weitgehend zu verhindern gewusst. Sichtbares Zeichen für diesen wirtschaftlichen und lokalpolitischen Strukturwandel war die Ausweisung erster Teile des Schüttorfer Feldes als neues „außerstädtisches“ Industriegebiet im Jahr 1972.

Schüttorf war Textil- und Handwerkerstadt

Werfen wir trotzdem noch einen Blick zurück auf die Jahre vor dem Ende des Textildominanz. Die Prosperität der Textilindustrie sorgte auch in anderen Wirtschaftszweigen für ein noch nie zuvor dagewesenes Wachstum, nämlich im lokalen Handwerk, im lokalen Handel und im Dienstleistungssektor. Zwar hatte das Handwerk schon immer eine Rolle im Wirtschaftsleben der Stadt gespielt, aber mit der Aufblühen der Textilindustrie erlebte auch das Handwerk einen bedeutenden Aufschwung. Begünstigt durch den Wegfall des Zunftzwanges machten sich zahlreiche Schüttorfer und auch Zugezogene als Handwerker selbstständig. Zumeist als kleine Familienbetriebe mit nur einem oder zwei Gesellen und dem einen oder anderen einem Lehrling. Die meisten behielten diese Größe auch bei, andere hingegen wuchsen beachtlich.

Schaffe, schaffe, Häusle bauen
Motor des Handwerks war wie auch in den Anfangsjahren der Stadt Schüttorf das Baugewerbe. Zahlreiche Kleinstbetriebe entstanden. Nur bei größeren Aufträgen taten sie sich zu Baugemeinschaften zusammen. Als der Einsatz von Baumaschinen immer mehr gefordert war, um die Aufträge auszuführen, führte dies unweigerlich zur Bildung von größeren Betrieben. Zu den führenden Unternehmen im Bausektor entwickelten sich die Bauunternehmen Wessels, Kortmann, Reinders und auch Herding, die ihre Unternehmen allesamt außerhalb der Altstadt ansiedelten. Hinzu kamen weitere Unternehmen, die im Baubereich ihr Geld verdienten, wie zum Beispiel die Bauschreinerei Busmann oder auch der Eisenhandel Lammering, der sich im Laufe der Jahre zum größten Schüttorfer Unternehmen entwickelt hat.

Viele Schüttorfer wurden Kapitäne der Landstraße
Der wirtschaftliche Aufschwung besonders in den Nachkriegsjahren führt auch dazu, dass immer mehr Logistikbetriebe entstanden, bzw. auswärtige Logistikunternehmen in Schüttorf Niederlassungen gründeten. Viele von ihnen haben die Jahre und vor allem die Krise der Textilindustrie nicht überstanden. Einigen wenigen hingegen, wie zum Beispiel die Spedition Wanning, mauserten sich vom kleinen Familienbetrieb zum international agierenden Logistikunternehmen mit zahlreichen Standorten in Schüttorf und auch der näheren und weiteren Umgebung.

Einkaufen in der Nachbarschaft
Neben dem Baugewerbe boomten auch zwei weitere Wirtschaftsbereiche, der Handel und der Dienstleistungssektor. Gerade in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts machte fast in jeder größeren Straße ein Kolonial- oder Manufakturwarengeschäft auf. In der Regel war dies sogenannte „Tante Emma Läden“, wo man fast alles für den täglichen Bedarf erhielt. Aber auch ein Kaufhaus mit großen Schaufenstern und einem fast „städtischen“ Angebot öffnete seine Pforten, das Kaufhaus Rost am Markt. Hinzu kamen Läden mit speziellen Angebot an Obst- und Gemüse, Haushaltswaren und auch Elektro- und Radiogeräten.

Man hatte die Haare schön
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung stieg auch das durchschnittliche Einkommen in der Stadt. Eine Folge davon war, dass die Schüttorfer immer mehr Dienstleistungen in Anspruch nahmen. Zahlreiche Friseure und Schneiderei boten nun ihre Dienste an. Aber auch Versicherungsvertreter und andere, wie zum Beispiel Ärzte und Zahnärzte.

Nicht zu vergessen ist auch die Vielzahl an gastronomischen Betrieben, die Schüttorf noch bis in die 1980er Jahre zu bieten hatte. Jedoch muss dabei festgehalten werden, dass die Versorgung der Bevölkerung mit Gasthäusern und Schankwirtschaften auch in den Jahrhunderten zuvor eigentlich nie zu wünschen übrig ließ.

Alles nur Fassade?

Der wirtschaftliche Aufschwung um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert spiegelte sich auch im Stadtbild wieder. In zahlreichen Häusern, vor allem die, die von Kaufleuten und Handwerkern bewohnt waren, wurde gutes Geld verdient. Es begann eine Zeit, in der an vielen Stellen der Stadt die alten Ackerbürgerhäuser ein neues Aussehen bekamen. Vielfach wurden die Straßenfronten der Häuser mit einer mehr oder weniger aufwendigen Fassade neu gestaltet. Aber auch dahinter tat sich einiges. Wirtschaftsräume wie Dielen, Ställe und Dachböden (Hielen) wurden zu Wohnräumen umgebaut. Wer etwas auf sich hielt, hatte auf einmal eine gute Stube, ein meist mit guten Mobiliar und anderen häuslichen Schmuckstücken ausgestatteter Wohnraum, der nur an wenigen Tagen zu besonderen Anlässen genutzt wurde. Eltern und Kinder schliefen jetzt in unterschiedlichen Schlafräumen. Und in vielen Häuser wurden Toilettenräume und kleine Bäder eingebaut. Auch die Zahl der beheizbaren Wohnräume nahm zu. Nur in den Stadtteilen, in denen die Familien meist über ein geringes Einkommen verfügten, blieb vieles beim Alten. Dieser ungleich verteilte Wohlstand war bis vor wenigen Jahren noch an der Föhnstraße und an dem dahinterliegenden Stadtteil Plondermelkshoek deutlich sichtbar.

Das Sterben der Familienbetriebe
Der Boom im Handwerk und im Handel dauerte aber nur ein paar Jahrzehnte an. Bereits kurz vor Ende der 1960er Jahre begann auch hier das Große Sterben. Viele kleine Familienbetriebe machten dicht. Weil es keine Nachfolger mehr gab, man nicht mehr zeitgemäß produzierte und konkurrenzfähig war oder weil die Produkte und Dienstleistungen auf dem Markt nicht mehr nachgefragt wurden. An ihre Stelle traten Anbieter von aktuellen Produkten oder Dienstleistungen, zum Beispiel aus dem Bereichen des Automobils, der Elektronik und des Gesundheitswesens. Im Handel verschwanden die kleinen Geschäfte in der Nachbarschaft. Sie wurden durch große Filialisten mit einem breiterem und aktuellen Angebot ersetzt.

Wenige Handwerksbetriebe hingegen wuchsen so stark, dass sie sich dringend vergrößern mussten. Nur war in der Stadt kein Platz dafür vorhanden. Viele von ihnen siedelten sich nun auf den neuerschlossenen Gewerbeflächen im Schüttorfer Feld oder im nahegelegenen Industriegebiet in Samern an. Die Innenstadt Schüttorf verlor zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung. Nur mit großen öffentlichen Aufwendungen und kommunalen Förderprogrammen konnte ein wirtschaftliches Aussterben bislang verhindert werden.

Es gab auch noch die Anderen
Eine Bemerkung zum Schluss. Zwar war die Schüttorfer Wirtschaft über Jahrhunderte hinweg von der Textilindustrie geprägt, aber es gab durchaus auch andere mittlere und größere Betriebe, die zum Teil auch heute noch eine große Rolle in der Schüttorfer Wirtschaft spielen. Dazu zählen u.a. das Unternehmen Stemmann, die Papphülsenfabrik Fischer und die drei Schinkentraditionsbetriebe Schächter (heute Danish Crown), Klümper und Kümper & Stamme (Klüsta) und heute vor allem die großen Unternehmen aus der Kunsstoffverarbeitung wie Utz, dem Baustoffhandel wie Lammering und der Papierverarbeitung wie Prowell. Andere Betriebe z. B. aus dem Bereich der Gerberei oder der Margarine-Herstellung findet man heute nicht mehr in Schüttorf.

Die Schüttorfer Wirtschaft:
Eine Erfolgsgeschichte mit Rück- und Tiefschlägen

Betrachtet man die über 700 jährige Wirtschaftsgeschichte der Stadt Schüttorf ohne lokalhistorischen Pathos, so fällt auf, dass sie mit einer enormen Leistung seitens der Schüttorfer Bürger und Einwohner beginnt. In wenigen Jahrzehnten wurden die Stadtbefestigung, das Rathaus, die Burg Altena und die Fürstliche Mühle erbaut. Eine Kraftanstrengung, die nur von wenigen Hunderten erbracht wurde. Danach verfällt die Schüttorfer Wirtschaft aber in eine langanhaltende Phase der Stagnation, wie im übrigen auch andere Teile der Grafschaft. Erst mit der industriellen Revolution und vor allem durch den Einsatz von Dampf-Maschinen und der deutlich verbesserten Verkehrsanbindung erlebte die Schüttorfer Wirtschaft eine zweite Blüte. Durch die Schaffung des europäischen Binnenmarktes und durch den Machtverlust der Jahrzehnte lang dominierenden lokalen Textildynastien sowie durch eine kluge Strukturpolitik konnte die große Krise der Textilindustrie stark abgefedert und ein erfolgreicher Neuanfang gestartet werden.

Das Gewerbe ist nicht mehr Hauptarbeitgeber
Wer heute einen Blick auf die Wirtschaftsstruktur von Schüttorf wirft, wird feststellen, dass das produzierende Gewerbes ob der vielen Neuansiedlungen in diesem Sektor immer noch die leistungsstärkste Kraft ist. Jedoch ist ihre Bedeutung für die Beschäftigung erheblich zurückgegangen. Nur noch 45 Prozent der Beschäftigen in Schüttorf verdienen dort ihr Geld. Mehr als jeder 2. Beschäftigte ist in Schüttorf im Bereich des Handels, der Gastronomie, des Verkehrs und der Dienstleistungen tätig.

Gute Arbeit für nicht so gutes Geld
Der Fleiß und das Können der Schüttorfer Arbeiter*Innen und Angestellten haben zu allen Zeiten wohl den Löwenanteil an dieser Erfolgsgeschichte gehabt. Kritisch muss aber angemerkt werde, dass bis zum heutigen Tag das Arbeitseinkommen in Schüttorf deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liegt. So lagen z. B. im Jahr 2020 die Gewerbesteuereinnahmen (netto) je Einwohner in Schüttorf mit rd. 550 Euro rund 14 Prozent über dem Landesdurchschnitt, während der Gemeindeanteil an der Einkommensteuer mit rd. 371 Euro nur 77 Prozent des Landesdurchschnitts erreichte. In Schüttorf wird also überdurchschnittlich gut gearbeitet aber leider immer noch unterdurchschnittlich gut verdient.

Hinweis

Autor: Hans-Dieter Schrader

Die kleine Wirtschaftsgeschichte Schüttorfs wurde zunächst für das Buch „Schüttorfer Feld“ geschrieben. Der Autor hat sie etwas überarbeitet und dem Heimatverein Schüttorf zur Veröffentlichung auf dieser Website überlassen.

Fotos und Bildmaterial: Archiv der Stadt Schüttorf, Archiv des Heimatvereins Samtgemeinde Schüttorf e.V., Floris Kröner, Hans-Dieter Schrader, Heinz Bavinck